KI erweitert das Lernen – aber wer gibt den Rahmen?
Meine Beobachtung ist, dass KI das Lernen stark erweitert – es ermöglicht Vertiefung und neue Zusammenhänge. Ein bisschen wie der Wikipedia-Moment, als man plötzlich auf gemeinsam formulierte Wissensartikel zugreifen konnte. Erinnert ihr euch? Dieses Gefühl, wenn ein Thema dich interessiert und du plötzlich von Artikel zu Artikel springst, immer tiefer, immer vernetzter?
Mit KI ist das noch einmal erweitert worden. Jetzt kann ich nicht nur lesen, sondern fragen. Nicht nur konsumieren, sondern im Dialog vertiefen. Ich kann Zusammenhänge erkunden, die ich vorher nicht gesehen hätte. Die Erweiterung ist gewaltig.
Gleichzeitig merke ich: Gerade durch diese Erweiterung wird strukturiertes Lernen noch wichtiger. Die Kontextualisierung von Inhalt und Thema ist entscheidend, um fundiertes Wissen zu erarbeiten.
Die Erweiterung als Herausforderung
Wenn alles möglich ist, wird die Frage "Was ist relevant für mich?" zur Kernkompetenz. Die schiere Verfügbarkeit von Information und Erklärung bedeutet nicht automatisch, dass wir besser lernen. Sie bedeutet zunächst nur, dass wir mehr können – wenn wir wissen, wie.
Hier kommt ein Konzept ins Spiel, das mich seit einiger Zeit beschäftigt: Biographizität. Der Göttinger Bildungsforscher Peter Alheit hat diesen Begriff geprägt. Er beschreibt damit unsere Fähigkeit, eigene Erfahrungen an neue Herausforderungen anzuschliessen und dabei kontinuierlich individuelle Lösungsideen zu entwickeln.
Biographizität bedeutet: Deine Lebensgeschichte ist dein Lernpotenzial. Was du erlebt hast, wie du gelernt hast, welche Erfolge und Misserfolge du hattest – all das strukturiert, wie du heute neues Wissen aufnimmst. Deine Biografie ist nicht nur Vergangenheit. Sie ist Filter und Ressource zugleich.
Und genau hier liegt die Chance – und die Herausforderung – von KI im Lernen.
Die Biografie als Lernrahmen
Wenn ich mit KI lerne, bringe ich meine gesamte Lernbiografie mit. Meine Vorerfahrungen, meine Wissenslücken, meine Art zu denken. Die KI weiss davon zunächst nichts. Sie reagiert auf meine Fragen, aber sie kennt meinen Kontext nicht.
Das bedeutet: Ich muss den Rahmen geben. Ich muss wissen, was ich suche. Ich muss meine Fragen so stellen, dass sie mich weiterbringen – nicht nur in die nächste Informationsflut.
Alheit unterscheidet drei Arten, wie Biografie und Lernen zusammenspielen:
- Biografie als Hintergrund: Mein vorhandenes Erfahrungswissen beeinflusst alle Lernprozesse, oft unbewusst.
- Biografie als Lernfeld: Ich bringe meine Erfahrungen aktiv ein, nutze sie als Material.
- Biografie als Gegenstand: Ich reflektiere über meine Lebensgeschichte und eröffne dadurch neue Entwicklungsräume.
Für das Lernen mit KI heisst das: Je bewusster ich mir meiner eigenen Lernbiografie bin, desto gezielter kann ich KI als Werkzeug nutzen. Ohne dieses Bewusstsein droht Beliebigkeit – viel Information, wenig Verstehen.
Lernen als Identitätsarbeit
Hier kommt ein zweiter Gedanke ins Spiel, der mich umtreibt. Die Harvard-Forscherin Herminia Ibarra hat mit ihrem Konzept der "Working Identity" gezeigt, dass berufliche Veränderung immer auch Identitätstransformation ist.
Karrierewechsel – oder auch nur das Lernen neuer Kompetenzen für den aktuellen Job – ist nicht einfach "Skill-Erwerb". Es ist das Erkunden möglicher Selbste. Ibarra spricht von "possible selves", die wir ausprobieren, bevor wir wissen, wer wir werden wollen.
Das klingt vielleicht gross für die Frage "Wie nutze ich KI zum Lernen?". Aber ich glaube, genau hier liegt der Punkt:
Wenn KI uns ermöglicht, alles zu lernen, müssen wir entscheiden, wer wir werden wollen.
Das ist keine technische Frage. Das ist eine biografische Frage. Eine Identitätsfrage.
Ibarra empfiehlt, nicht zu planen, sondern zu experimentieren. Kleine Versuche zu machen, neue Netzwerke zu erkunden, die eigene Geschichte neu zu erzählen. Das passt überraschend gut zur Frage, wie wir KI im Lernen einsetzen sollten:
- Experimentieren statt perfektionieren: Probiere aus, wie du mit KI lernst. Es gibt keinen "richtigen" Weg.
- Kontext vor Information: Frage dich zuerst, warum du etwas lernen willst, bevor du fragst, was.
- Narrative statt Fakten: Verknüpfe neues Wissen mit deiner Geschichte. Was bedeutet das für dich?
Die Schule als Testfeld
Ich setze mich mit diesem Thema gerade intensiv auseinander, weil es mich im Zusammenhang mit meiner Arbeit an der Schule beschäftigt. Wie soll KI eingesetzt werden? Wie kann der Einsatz nachhaltig sein?
Die Forschung zu lebenslangem Lernen zeigt: Menschen entwickeln ihr Lernverhalten über die Lebensspanne. In der Schule lernen wir oft kurzfristig und prüfungsorientiert. Im Beruf wird Lernen selbstgesteuert und muss mit konkurrierenden Anforderungen vereinbart werden.
Die Herausforderung ist: Wie bereiten wir junge Menschen auf ein Lernen vor, das sie ein Leben lang begleiten wird – mit Werkzeugen, die wir selbst gerade erst verstehen?
Ich glaube, der Schlüssel liegt nicht in der Technologie, sondern in der Reflexion. Nicht "Wie nutze ich ChatGPT?" ist die zentrale Frage, sondern "Wie lerne ich – und wie will ich lernen?"
Das erfordert Strukturen. Nicht Strukturen, die einengen, sondern Strukturen, die Orientierung geben. Frameworks, die helfen, die eigene Lernbiografie zu verstehen. Räume, in denen Experimente möglich sind.
Einladung zum Austausch
Wie nutzt ihr KI für euer Lernen? Habt ihr das Gefühl, dass es hilft – oder manchmal auch verwirrt? Wie findet ihr euren Rahmen in der Fülle der Möglichkeiten?
Ich wünsche mir Austausch – schreibt einen Kommentar oder schreibt mir eine DM, wenn ihr Zeit und Lust habt. Dann machen wir ein kleines Interview. Eure Perspektiven würden mir helfen, das Thema besser zu verstehen.
Denn am Ende ist genau das der Punkt: Lernen ist kein Einzelsport. Es braucht Dialog, Feedback, andere Perspektiven. KI kann vieles – aber diesen menschlichen Austausch kann sie nicht ersetzen. Sie kann ihn nur erweitern.
Quellen:
- Alheit, P.: Konzept der "Biographizität" – Biografie als Lernpotenzial im Lebenslauf.
- Ibarra, H. (2003): Working Identity: Unconventional Strategies for Reinventing Your Career. Harvard Business School Press. herminiaibarra.com
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